Ulrike Grossarth DE

Ulica Nowa 17, Lublin 1930er Jahre, Foto: Stefan Kiełsznia
running Lubartowska, Dresden 2010, Foto: David Brandt

Seit 2006 initiiere ich Projekte in Lublin die sich auf die Geschichte und das jüdische Erbe der Stadt beziehen. Das Projekt Die Schule von Lublin leiht den Namen aus der jüdischen Gelehrtentradition, verwendet ihn aber metaphorisch Dabei spielt die Anwesenheit vor Ort und das reine Beobachten eine Rolle.

Es geht um eine Praxis der Verknüpfungen verschiedener kultureller, geografischer und mentalgeschichtlicher Stränge als einer anschaulichen Aufbereitung europäischer Kulturarchive.

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Wald von Lublin, Marcin Butryn, 2016

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Szeroka 28, Wandzeichnung und rojektionen, Badischer Kunstverein Karlsruhe 2023

Hauptsächlichen Quellen aus denen die Projekte entwickelt werden:
Sammlungen von Bild- und Literaturmotiven, Fotos, Postern, Zeitungsausschnitten, fotografischen Rechercheergebnissen aus ost-mitteleuropäischen Regionen und die Bildbände der Encyclopédie von Diderot & D’Alembert aus dem Jahr 1751, die dem fundamentalen Werk der Aufklärung beigeordnet sind.
Ausserdem das Studium des Talmuds (on-line) im Format des Daf Yomi (tägliches Blatt), einer, Anfang des 20. Jahrhunderts von Meir Shapiro in Lublin entwickelten Weise des Lernens.

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‚Imprimerie’und ‚Parcheminier’ aus ‚Diderot und D’Alembert, Encyclopédie, Paris 1751
Reste, Elemente aus der Encyclopédie

Durch die Konfrontation west-und osteuropäische ‚Kulturkonserven‘ entsteht ein Milieu der Multiplikationen von Kategorien, durch die sich traditionelle Denkmodelle erweitern lassen kann. Die Intention ist, die Eigenarten der beteiligten Elemente so aufzuschliessen, dass sie selbst Verbindungen eingehen und kulturelles Milieu chaffen. Neben Texten und bildnerischen Medien wie Zeichnungen und Projektionen, umfassen sie die Entwicklung von Symbolen, Allegorien und Figuren, die auch in performativen Formaten und Inszenierungen von sozialen Ereignissen eine Rolle spielen.

Eine wesentliche Motivation dazu beruht auf der Erfahrung, dass die im Westen spürbare gesellschaftliche Reserviertheit gegenüber dem ost-mitteleuropäischen Raum vor allem zu einem Mangel an authentischer Inspiration für Europa im
Ganzen führt.

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Ulica Nowa 17, Lublin 1930er Jahre, Foto: Stefan Kiełsznia
Ulica Nowa 21, Lublin, 1930er Jahre, Foto: Stefan Kiełsznia

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The Photo Archive of Stefan Kiełsznia
2006 entdeckte ich in Lublin das fotografische Werk von Stefan Kiełsznia. Es ist
das Zeugnis einer multiethnischen Phase des selbstverständlichen Zusammenlebens in den Zwischenkriegszeiten in Polen.
Sichtbar ist ein ausserordentlicher Reichtum urbaner Situationen, der Einblick gewährt in die wirtschaftliche Situation der Stadt in den Zwischenkriegszeiten. So lassen z.B. die handgemalten Darstellungen von Waren auf eine noch kleinteilige, fragile Ökonomie schliessen. Ich interessiere mich für die Staffelungen auf den Bildern als Bedeutungsebenen, die den Tauschvorgang vorbereiten.

Durch die in Lublin noch existierenden archaischen Märkte ist das Thema des Tauschhandels immer präsent. Man kann z.B. die von Alfred Sohn-Rethel geschilderten paradoxen Zuschreibungen von Eigenschaften und Qualitäten beobachten, die eine Ware vor und während des Warentausches betrifft und den Moment des Tausches, also das Herreichen der Ware im Gegenzug zum Äquivalent in Form des Geldes

In den Projekten trading wird dieser irrationale momentane Zwischenzustand in scheinbar kausalen Abläufen des Warentausches als hochgradig intensives „Vakuum“ thematisiert und in zeitlicher Dauer verlangsamt, um Strategien für andere mögliche Anschlusshandlungen zu suchen.

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SYMBOL gotowe/ trading in Drohobycz, (Ukraine) 2012
word-skirt im Laden „Zakład Zegarmistrzowski”, Ulica Lubartowska, während des Projektes ‚Bławatne z Lublina’, Lublin 2011

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Subject / Subiekt

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Subject of Study, Bayrisches Staatsschauspiel, München 1999
Handstudien, Berlin 1994

Damit knüpfe ich auch wieder an meine Veranschaulichungen von pseudo-ökonomischen Modellen und fiktiven Tauschaktionen während der public exercises aus den 90iger Jahren in Berlin an. Auch dort ging es um die Frage der Wertschöpfung als abstraktes Konstrukt, das sich in alltäglicher Praxis als soziale „Illusion“ ereignet.

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Idealbeet, Modell, Detail aus BAU I, Berlin 1988 – 1999
Mehrwert, Modell, Berlin 1994

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Schon damals interessierten mich besonders subjektkonstituierende Elemente, die aus ökonomischen Zusammenhängen abgeleitet bzw. damit in Verbindung gebracht werden. Als ein wichtiger Hinweis darauf galt mir eine Bemerkung von Hannah Arendt, dass nur die Person als gesellschaftliches Subjekt gilt, die im öffentlichen Raum eine Ware zum Austausch bereithält.
Die Verknüpfung in den polnischen Raum kam durch einen für mich entscheidenden Hinweis, nämlich die altpolnische Bezeichnung ,subiekt‘, für die Vermittelnden zwischen Kunden und Waren, den Personen also, die den Tauschhandel durchführen.

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SYMBOL gotowe/ trading, Lublin 2015

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SYMBOL gotowe/ sklep
2015 mietete ich in der Altstadt von Lublin ein ehemaliges jüdisches Schneideratelier
in einem Hinterhof der Lubartowska Straße. Neben anderen kleinen shops, entstand unter dem Namen ‚SYMBOL gotowe/ sklep’ (gotowe > fertig, sklep> Laden) mein Raum für temporäre, oft auch nur stündliche Interventionen und Ausstellungen.
Die thematischen Anliegen wurden durch die Vielfalt von Perspektiven und die Produktivität einer wachsenden Gruppe von Personen in Lublin bearbeitet. Vor allem auch vor dem Hintergrund zunehmender nationalistischer Tendenzen, bilden wir gemeinsam Kriterien für die Dynamisierung kulturell eingeschliffener Ressentiments und die Unmöglichkeit einer Idee von ‚objektiver Identität

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Der Hof in der Ulica Lubartowska 31, Lublin 2017
Seminar und Ausstellung vacated space, Lublin 2017

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X Lubliners

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Projekt X Lubliners, Lublin 2016, Fotoserie mit 70 Lublinern

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Für das Projekt X Lubliners kam ich zurück zu den ersten Elementen, die mir auf den Fotos von Stefan Kiełsznia auffielen: die immer wieder anzutreffende Weise der Warenpräsentation in der Form eines X.

Mit Bildtafeln die in verschiedenen Versionen Lubliner Mustern koloriert wurden Wählten die Teilnehmenden je zwei aus und hielten sie, mit beiden Händen zusammengefügt, für den Moment des Fotografierens vor ihren Körper.
Die bewusste Wahrnehmung der Metaphorik der Situation spiegelte sich in der Offenheit ihres persönlichen Ausdrucks. Es findet eine Zusammenführung historischer und kultureller Aspekte statt, die durch die Teilnehmenden, im wahrsten Sinn des Wortes, gehalten wird und für die sie einstehen. Dieser Moment erzeugt eine Präsenz des Abwesenden in einer lebendigen Situation.

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Projekt X Lubliners, Lublin 2016

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Esther und Ruth
Der Fund eines Plakates aus Lublin 1927 brachte eine Reihe von Anwendungen in Gang. Die Portraits zweier jiddische Frauen mit Maske die zu einem Purim-Maskenball einladen, ergab vielschichtige Anwendung und brachte im Hintergrund Aufschlüsse über die ökonomischen und kulturellen Probleme der jüdischen Gemeinde in diesen Jahren.

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Plakat, Lublin 1927

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The eye of the needle, Fotoserie Lublin 2019

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Improvisationen mit Lubliner Themen als Projektionen und Wandzeichnungen,
deren Motive die Frequenz der geografischen Lage spiegeln und die immer noch
spürbare jüdische Prägung Lublins. Auch in diesem Projekt spielten dabei die
Auskoppelungen aus der Encyclopédie Diderot und D’Alembert als zeichenhafte
Verstärker eine Rolle.

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dressing room, Details, Warschau/ Dresden 2025

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Literatur:
Alfred Sohn-Rethel: Warenform und Denkform, Suhrkamp 1978

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München: Piper, 1989
aus dem Kapitel ‚Der Prozesscharakter des Handelns‘

Denis Diderot / Jean le Rond d’Alembert (Hg.): Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, unveränderter Nachdruck der 1775 erschienenen 3. Auflage, Saarbrücken : Finis Mundi, 2010.

Ulrike Grossarth: Stefan Kiełsznia. Ulica Nowa 3. Straßenfotografien aus dem jüdischen Viertel von Lublin in den 1930er Jahren. Leipzig: Spector Books, 2011

Ulrike Grossarth: Schule von Lublin, (Hg.): Anja Casser, Badischer Kunstverein,
München: edition metzel, 2023

Zofia Ołpińska-Prędecka: Nauka modelowania, kroju i szycia, Warschau: Wzór, 1937